Fast Übersehen

Münchner Kammerspiele | Édouard Louis „Die Freiheit einer Frau“

Gesellschaftskritik par excellence in blue jeans und white shirt.



Die Herausforderung einer Inszenierung ist sicher groß, wenn ein Theaterstück auf einem Roman basiert, dessen zentrales Thema Gewaltstrukturen und Unterdrückung ist. Denn subjektiv von Gewalt zu erzählen, ist in der Darstellung einfach. Komplex wird es, wenn die strukturellen Verknüpfungen von Klassismus, Menschenfeindlichkeit und Homophobie aufgezeigt und verhandelt werden.
Aber wie schafft man es, diese Themen in ihrer Komplexität und Mehrdimensionalität darzustellen? Und wie können prekäre Lebenswelten, Sexualität oder Geschlechterrollen auf der Bühne aussehen, ohne dabei Stereotype zu reproduzieren? 

Felicitas Brucker, Regie des Stückes, ist dieser Balanceakt gelungen. Und das, ohne sich an Bühnenbild, Kostümen oder Klischees zu bedienen. Eine Gesellschaftskritik, die in ihrer Darstellung so scharf ist, dass es all das gar nicht braucht – großartig. 

Die Grundlage für das Stück „Die Freiheit einer Frau“ bildet der autofiktionale Roman Édouard Louis‘. In diesem wird die Geschichte einer Frau erzählt, die sich nach Jahren männlicher Demütigungen und Gewaltexzessen aus dem eigenen Herkunftsmillieu befreit. Erzählt wird aus der Perspektive ihres Sohnes Eddy Bellegueules – Édouard Louis jüngeres ich, bevor er literarisch erfolgreich wurde und seinen Namen änderte. Wie auch in anderen Romanen verknüpft Édouard Louis in seiner Erzählung autobiographisches mit Fiktion und verhandelt dabei Klassenfragen und Gewaltstrukturen eigener sowie fremder Lebenswelten. Schonungslose Ehrlichkeit bildet die Konstante der Narration, die von einer liebevollen zu einer verachtenden, von einer verachtenden zu einer vorwurfsvollen, von einer vorwurfsvollen zu einer mitfühlenden wandelt.


Die Lebenswelt und Familienmitglieder der Familie Bellegueules werden durch ein dreiköpfiges Ensemble, bestehend aus Katharina Bach, Thomas Schmauser und Edmund Telgenkämper dargestellt. Diese schaffen es, innerhalb von Sekunden in unterschiedliche Rollen, bestehend aus homophoben Brüdern, dem betrunkenen Vater, zur unterdrückten Mutter und schließlich wieder in den Erzähler Eddy zu schlüpfen. 

Die Szenen handeln von Gewalt, Annäherungen, Alkoholismus, Hoffnung, Ektase, Demütigungen und Verletzungen, die trotz – oder gerade aufgrund ihrer schnelllebigen Darstellung, die Zuschauer:innen geradezu mitreißen. Vom Club in das Wohnzimmer, raus auf die Straße, rein in die Schule und wieder zurück. In strukturell wiedererkennbaren Erscheinungsformen des Unglücks spiegeln sich immerzu Klassenfragen, Unterdrückung, Menschenfeindlichkeit und Homophobie, die das Leben der Mutter, des Sohnes und ihrer Beziehung prägen. Dabei sind die Emotionen in der Sprache, Mimik und Gestik so scharf, aber keineswegs überspitzt dargestellt, dass das Stück ohne wechselndes Bühnenbild, Klischees oder Kostümen auskommt. Das Ensemble trägt lediglich blue Jeans und ein weißes Shirt. Und dennoch sind die Räume aus der Erzähl-Perspektive des Kindes so spürbar, das man sie physisch vor sich sieht. Da ist die Enge der Zimmer, das lieblose Miteinander, die Trostlosigkeit der eigenen Lebenswelt und ein ganz zentrales, immerwährendes Gefühl, dass Literaturnobelpreisträgerin 2022 Anni Ernaux, die doppelte Scham nennt. Zum einen die Scham für die eigene Herkunft, die sich zunächst gegen sich selbst und all das richtet, was man verkörpert. Sie bleibt – selbst dann, wenn im ersten Schritt die von Menschen bewusst oder unbewussten Mechanismen der Distinktion analysiert und verstanden wurden. Und auch dann, wenn im zweiten Schritt immaterielle Codes sprachlicher oder körperlicher Ausdrucksweisen erlernt wurden. Es bleibt immer nur bei einem Annähern an den Habitus einer Klasse, der man selbst nicht zugehörig ist. Die Doppelung der Scham ergibt sich nun daraus, nicht mehr zu der eigenen Schicht zu gehören – sie und all das, was diese verkörpert, nach eigenem sozialem Aufstieg zu verachten. 

Édouard Louis verhandelt in der Geschichte jedoch nicht nur die schwindende Identifikation mit der eigenen Klasse durch eigenes Aufsteigen, sondern vor allem auch den Schmerz der Zurückgelassenen. Anhand der Geschichte seiner Mutter illustriert er die unauflösbaren Unterschiede von Klasse, die für sie selbst nach eigener Befreiung und einem Umzug nach Paris spürbar sind. Es ist eine Erzählung über Handlungsfähigkeit, die trotz Ungleichheit funktioniert und einer Freiheit, die immer bedingt ist.

Es gibt drei weitere Vorstellungen:
– Samstag 19.11. 20:00 Uhr
– Freitag 25.11. 20:00 Uhr
– Mittwoch 28.12. 20:00 Uhr  

Tickets könnt ihr hier kaufen. Für alle, die jünger als 30 sind, kosten sie nur 10,00€.

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